Juni 2010

Chinas Arbeiter lehnen sich auf


Das Thema ‚Lieferungen aus China’ und vor allem die Preisgestaltung war schon öfter Thema unserer Leitartikel. Leider gibt es jetzt wieder Anlass mit einer gewissen Besorgnis nach China zu blicken. Aus der Presse konnte man entnehmen, dass es gewaltige Proteste chinesischer Arbeiter gab und jetzt noch gibt. Der Apple Zulieferer Foxconn hatte 10 Selbstmorde zu verkraften und erhebliche Streiks. Bei Honda streikt man seit 2 Monaten, bei Ricoh ebenfalls Streiks, und sicherlich gibt es noch mehr solcher Fälle, die bisher bei uns gar nicht bekannt wurden.
Streiks in China? Für uns eigentlich undenkbar. Die Wahrheit ist, dass von umgerechnet 110 Euro Monatslohn ein Arbeiter aufgrund der gestiegenen Lebensmittelkosten nicht mehr leben kann. Dazu müssen Überstunden gemacht werden, natürlich kostenlos, die sich auf bis zu 50 oder 60 Stunden insgesamt summieren. 7 Tage die Woche und dann noch schlechte Bezahlung, schlechte soziale Verhältnisse, schlechte Unterkünfte der Wanderarbeiter, die zur Arbeit aus über 1000 km entfernten westlichen Provinzen in die Südprovinzen gekommen sind, 100 Personen in einem Schlafraum, da lehnen sich die chinesischen Arbeiter auf. Die Fluktuationsraten sind ungeheuerlich. Es sind uns Fälle bekannt, wo 20 % der Mitarbeiter pro Monat ihren Arbeitsplatz wechseln, nur weil in einem Nachbarbetrieb einige Cent mehr bezahlt werden.
Die Begründung liegt einfach darin, dass sich in den letzten Jahren eine staatlich begrüßte kleine Mittelschicht gebildet hat, die besser leben wollen und ihren ‚Wohlstand’ auch zeigen möchten. Von solchen Hungerlöhnen können sie natürlich nicht leben, denn es hängen teilweise Großfamilien vom Gehalt dieser Mitarbeiter ab. Daraus ergibt sich auch die kuriose Situation, dass ein gewisser Arbeitskräftemangel in den Küstenregionen herrscht, weil Mitarbeiter den Betrieben einfach davonlaufen.
Ein weiterer Punkt ist immer das chinesische Neujahr. Denn wenn sich im Januar die Fabriken für 2 Wochen leeren, dann besteht seit Jahren das bange Hoffen der Firmenleitungen, wie viel Leute kommen zurück? 20~30 % Arbeiter, die im neuen Jahr nicht zurückkehren, ist die Regel.
Es ist schön, dass wir hier in Deutschland niederpreisige Produkte kaufen können. Damit haben wir eine geringe Inflationsrate und können uns mehr leisten, als es sonst möglich wäre. Möbelketten und Bekleidungsgruppen leben davon, preiswert in Fernost einzukaufen. Aber um ehrlich zu sein, wir leben so preiswert auf Kosten dieser armen, sagen wir es ruhig ‚ausgebeuteten’, Arbeiter. Und wir nehmen dies als selbstverständlich hin und denken uns eigentlich nichts dabei. Die Konsequenz der Großunternehmen besteht jetzt bereits darin, nach Vietnam, Malaysia und Bangladesh auszuwandern, um dort von dem noch niedrigeren Lohnniveau zu profitieren. Auch Indien ist sehr stark in den Fokus dieser Unternehmen gerückt. Und wenn dann in diesen Ländern ähnliche Verhältnisse herrschen wie in China, zieht die Industriekarawane einfach weiter. Wohin? Möglicherweise Afrika oder auf die ‚Fidschi Inseln’. Überall dorthin, wo die Arbeitsgesetze sehr lasch sind und die soziale Versorgung, z.B. Krankenversicherung, nicht existiert. Wir haben es ja jetzt an dem Beispiel USA gesehen, wo Präsident Obama extreme Schwierigkeiten hatte, eine staatliche Krankenversicherung durchzusetzen für mehr als 30 Mio. unversicherte Arbeitnehmer.
Vielen Unternehmen aller Branchen droht jetzt nach Jahren einer strengen Billigstrategie jede Menge Ärger. Ein hochinteressanter Aspekt ist auch das Internet, da sich dadurch die Arbeiter sehr schnell austauschen können und die unzufriedenen sich sehr viel leichter als vorher vernetzen können. Dadurch ist die soziale Unzufriedenheit in den vergangenen Jahren sehr schnell angestiegen. Vor 30 Jahren waren noch alle Menschen in China gleich arm, ein Zustand wie ihn unsere ‚Linken’ offensichtlich nach wie vor für erstrebenswert halten. Aber die chinesischen Arbeiter schielen auf die kleine Mittelschicht, die in Autos durch die Gegend braust und möchten natürlich, und das ist verständlich, auch einen solchen Lebensstandard erreichen. Solange aber ein Kleidungsstück besserer Qualität leicht den Monatslohn eines Arbeiters übersteigt, ist deren Verhalten mehr als verständlich. Im täglichen Arbeitsleben, und wir konnten dies durch eigene Besuche mehrfach bestätigt sehen, werden Arbeiter zu Überstunden gedrängt. Sie müssen eine halbe Stunde früher anfangen, unbezahlt, und wenn die Tagesmengen nicht erfüllt werden, müssen unbezahlte Überstunden gemacht werden.
Es ist unverständlich, dass in unserer Presse hier viele kluge Analysten und Besserwisser unsere jetzige Situation beklagen und die Sparpakete der Regierung ablehnen. Dass wir aber extrem besser leben als Millionen Menschen in Fernost und dass wir vielleicht über unsere Verhältnisse gelebt haben, wird dabei nicht berücksichtigt. So scheibchenweise hört man jetzt aus Griechenland, mit welchen sozialen Wohltaten gewisse Personenkreise übermäßig verwöhnt wurden. Der Wunsch nach mehr und mehr ist sicherlich gerechtfertigt, wenn es ans Lebensniveau geht. Man gewöhnt sich aber auch sehr schnell an die von Politikern verteilten Wohltaten, wobei es nur darum geht, anstehende Wahlen zu gewinnen. Aber auf Pump oder auf Spekulation kann man nicht langfristig aufbauen. Dies haben einige Länder in der EU jetzt schmerzlich zu spüren bekommen.
Zurück zu China. Es liegen uns schon jetzt von mehreren Herstellern drastische Forderungen nach Preiserhöhungen für dieses Jahr vor und es wird schwer fallen, einen Ausgleich zwischen den Forderungen der asiatischen Lieferanten und unseren Kunden, für die Preiserhöhungen ja quasi Fremdworte geworden sind, zu finden. Bei Halbleitern hat man sich zwar daran gewöhnt, dass es ein ständiges Auf und Ab gibt, und dass man bei Allokationen nur noch über Lieferzeiten, aber nicht mehr über Preise spricht. Bei der großen Vielzahl von anderen Bauelementen, vor allem im passiven Sektor, ist man dies weniger gewohnt.
Die chinesische Regierung hat sich vor Jahren eifrig bemüht, immer mehr Investoren ins Land zu locken. Man hat jetzt aber erkannt, dass man die Arbeiterheere nicht vergessen darf und stellt sich heute voll hinter deren Forderungen. Westliche Unternehmen, die zu guten Bedingungen produzieren wollen, haben gute Gründe, schon um Unruhen zu vermeiden, das Gehaltsniveau den höheren Lebenshaltungskosten entsprechend anzupassen. Höhere Löhne vermeiden Streiks und Fluktuation, bewirken aber auf der anderen Seite ganz zwangsläufig, dass die Preisvorteile, die bei der Auslandsinvestition entscheidende Gründe gespielt haben, so langsam dahin schmelzen.
Die Konsequenz aus dieser Entwicklung in China wird sicherlich sein, dass sich mancher Betrieb überlegen muss, ob es noch sinnvoll ist, in Fernost zu produzieren, es sei denn für den einheimischen Markt, oder ob es in Zukunft nicht besser ist, über Vollautomatisierung der eigenen Fertigung hier im Lande nachzudenken. Transportrisiken und Kostenerhöhungen, wie sie jetzt bestehen und wie sie auch durch die berühmte Aschewolke entstanden sind, lassen sich damit sicherlich leichter verhindern.

Mit freundlichen Grüßen
W. ENDRICH
 
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