Mai 2010Nur Innovationen helfen gegen die Krise*Zeiten des Abschwungs erlauben ein Überdenken und Neujustieren der eigenen Strategien und seiner Möglichkeiten. Wenn man vorwärts schaut, hat Europa eine Menge guter Möglichkeiten, nicht in die traditionellen Massenmärkte der Computer, des Telekommunikationszubehörs oder der Verbraucherprodukte zurückzufallen, sondern in tausende von industriellen Applikationen, bei denen der alte Kontinent immer noch Weltführer ist, in innovative Technologien zu erweitern. Ein Rückblick auf die gegenwärtige Krise der Weltwirtschaft (von der niemand weiß, ob sie schon wirklich beendet ist) und ihre Wirkungen auf unsere Industrie ergibt folgende Erkenntnis: Die Europäische Elektronikindustrie hat größere Abschwünge in seiner 50-jährigen Geschichte gesehen. Jedoch war keine so scharf wie dieses Mal, fast 30% in der ersten Hälfte des Jahres 2009. Interessanterweise war keiner der früheren Abschwünge mit einer solch schnellen Wiederbelebung verbunden wie dieses Mal. Es scheint, dass die 2. Hälfte sehr viel besser sein wird, als dies entsprechend der derzeitigen Forecasts zu erwarten wäre. Insgesamt wird die Europäische Elektronikindustrie im Jahr 2009 mit einem Minus von 20 % abschließen. Dies ist eine große Menge, aber von 2001 bis 2003 war der Abschwung mindestens genauso tief. Und der geneigte Leser möge sich daran erinnern, dass die Krise in den 1980er Jahren hier noch schlimmer war, was die industriellen Effekte betrifft. Die gegenwärtige Krise lehrt uns, dass Europa an Bedeutung in der Welt verloren hat, und zwar in Bezug auf die Elektronikproduktion. Von einmal 20 % Anteil an der Weltelektronikproduktion wird Europa auf einen Anteil von 10% abfallen und zwar in weniger als den nächsten 10 Jahren. Und regional gesehen, Italien scheint derzeit die Erfahrung zu machen, dass Produktionen auswandern nach Osteuropa und Asien, was England und Frankreich während der letzten 10 Jahre bereits miterleben durfte. Was normalerweise zuerst abwandert, ist die Massenproduktion von Gütern, und von denen hat Italien mehr als genug bzgl. weißer und brauner Ware. Trends der Distribution In der Distribution ist der Trend nicht unähnlich. In den ersten 3 Quartalen von 2009 konnten wir einen Abschwung von über 25 % quer durch Europa, allerdings unterschiedlich von Land zu Land und Region, erkennen. Und Ende 2009 wird es ein Minus von 20 – 25 % gegenüber 2008 sein. Gegenüber dem allzeit Hoch im ersten Quartal 2007 wird der vierteljährliche Umsatz des Europäischen Bauelemente Marktes um über 25% gesunken sein. Die Erholung ist auf dem Weg. Aber um die Höhen des Jahres 2007 zu erreichen, wird es eine Reihe von Jahren brauchen, und nicht nur von Quartalen. Die Krise hat keine Unterschiede gemacht zwischen Absatzmärkten, während es in den früheren Zyklen bei der Distribution und den OEM’s unterschiedliche Entwicklungen gab. In Zusammenfassung: Die Distribution hat dieses Mal keine Anteile gegen die direkten Lieferkanäle oder Contract Manufacturer gewonnen. Was sich wirklich intensiviert hat, ist die weitere Konsolidierung und Konzentration des Geschäfts auf einem Toplevel. Die zwei weltweiten Top-Distributoren haben ihre Position verbessert und besitzen jetzt einen signifikanten Anteil des gesamten Bauelemente-Distributionsmarktes. Sowohl durch organisches Wachstum als auch durch gezielte Aquisitionen. Dies wird sich vermutlich auch in der Zukunft durchsetzen. Aber es gibt noch genügend Raum für lokale Spezialisten und Nischenspieler. Die Produktion ist gegangen…. Zurück zu den generellen Markttrends. Was wir lernen ist, dass Abwärtsschwünge bereits existierende Trends verstärken, aber sie nicht auslösen. In Europa z.B. ist das Outsourcing oder die Verlagerung in andere Länder nicht neu. Wir werden einen kurzzeitigen Kosten bezogenen Anstieg sehen, aber der große Teil der Herstellung ist bereits vorbei gezogen. Könnte einige Produktion zurückkommen? Es ist möglich. Wer immer neue Märkte in Asien oder sonst wo findet, mag sich gezwungen fühlen, dort zu produzieren. Wer immer auch nach billigen Produktionsmöglichkeiten in anderen Regionen der Welt sucht, mag zu irgendeinem bestimmten Zeitpunkt zurückkommen. Denn die Gründe wie Qualität, intellektuelles Eigentum und die Gesamtkosten des Eigentums können gute Gründe dafür sein. In der Tat, zunehmende und substanziell wichtige Diskussionen und ein Druck von den Kunden und den Behörden, führen zu einem Überdenken von einigen, einzig allein Kosten getriebenen Maßnahmen, zugunsten einer Rückkehr der Produktion nach Europa. ‚Near-shoring’ ist das neue Schlagwort. Innovationen treiben den Sektor Sehr viel wichtiger ist die Tatsache, dass wir in der Krise in Europa nicht nachgelassen haben innovativ zu sein. Besonders in der industriellen Elektronik sehen wir neue Produkte und Technologien überall. Angetrieben von der Energieproduktion, Energiesparen, Umweltmanagement, Powermanagement, Sicherheits- und Kommunikationstechnik sind dies zwar keine großen Plattformen wie die Mobiltelefone, es sind aber Applikationen, die doch eine Million Stück pro Jahr betreffen, und in ihrer kombinierten Vielfalt, Komplexität und Innovation werden sie mit Sicherheit die zukünftige Struktur der Europäischen Elektronikindustrie bestimmen. Beispiele für die potentiellen Wachstumsmärkte für Europa gibt es viele. Entsprechend den Schätzungen von Avnet gibt es Dutzende von Möglichkeiten mit hohem Potential, die ein hohes Wachstum versprechen, z.B. komplexe Elektronik- Technologien wie high-end MCU’s, programmierbare Logik, Sensoren, Optoelektronik oder drahtlose Technik, die eine große Rolle spielen werden. Und zwar entweder alleine oder in Kombination miteinander. Diese Industriesegmente mit Kreuztechnologien werden das größte Potenzial während der nächsten Dekade im Geschäftsleben haben. Nicht nur in Europa, auch zu einem Teil wird es helfen, eine globale Position in der Führerschaft der europäischen Innovatoren zu stärken. Entweder durch Export von Einrichtungen, oder bei Patentrealisierungen. Es bleibt abzuwarten, wie schnell elektrische Fahrzeuge von europäischen Autoherstellern die europäischen Straßen in großer Zahl erobern werden. Aber die Bereiche, wo europäische Firmen die Industrie führen sind mehr als genug, um die Elektroniklieferkette für eine Weile zu übernehmen. Es ist interessant, dass in einigen dieser Fälle die Entwicklung des vorhandenen Wachstumspotenzials von staatlichen Entscheidungen abhängt, was einerseits die Marktdynamik anstoßen kann oder auch, im Falle von fehlender Entscheidungsfreudigkeit, blockieren kann. Ein Distributions-betriebener Markt Auf Grund der erodierenden Rolle von Europa in der Weltproduktion für Elektronik wird die nächste Dekade uns ebenfalls eine erhebliche Mischung der Absatzkanäle zeigen. Dieser Trend hat bereits begonnen, und zwar in vielen kleineren Märkten in Europa, und wird unvermeidbar auch die Großen anstecken. Natürlich benötigen die Hersteller große Plattformen, um neue Architekturen zu entwickeln und Technologien voranzutreiben. Da die zukünftige europäische Elektronikindustrie dies nicht bieten kann (obwohl es eine große Vielzahl von kleinen Plattformen mit > 100.000 Stück pro Jahr gibt) wird sich Europa in einen von der Distribution versorgten Markt wandeln, und zwar viel mehr als es heute der Fall ist. Aus der Kundenperspektive kann die Distribution das gesamte Servicespektrum vom Designsupport bis zum End of Life Management anbieten. Vom Lieferantengesichtspunkt kann es die Anforderungen von vielen tausenden von Kunden sammeln, um eine zusammengefasste Marktintelligenz zu schaffen. Ist dies schlecht? Nicht im Geringsten! Die Servicelevel in der Distribution sind ausgezeichnet, die Spezialisierung wird immer höher. Die Einbeziehung der Distribution in innovative Gebiete wird die Kunden sehr bewegen und Lieferanten überzeugen, dass die Distribution heute in der Lage ist, die sehr komplexen Design- und Unterstützungsfragen zu lösen, ferner vertikale Marktentwicklungen oder neue Lieferketten kreieren. Unter den gegenwärtigen Umständen wird der Einfluss der Distribution ganz natürlich wachsen, und zwar mehr, als es in den letzten 10 Jahren der Fall war. Aber die Distribution ist immer noch in seinem 25 % Anteil verhaftet. Manchmal scheint es so, dass die Wertschätzung der Distribution entweder nicht verstanden oder als Feind der Marktgewalten verstanden wird, die sich nur auf das Preisniveau konzentrieren. Es scheint, dass die Bauelemente-Industrie in den letzten Jahren ein Käufermarkt war und die Distribution nicht in der Lage war, sein Serviceportfolio zu einem adäquaten Preis zu verkaufen. Es ist ebenfalls deutlich, dass die Balance der finanziellen und gesetzlichen Auflagen nicht richtig funktioniert (im Umweltbereich oder in Patentangelegenheiten). Distributoren werden von der EU überwacht in dem gleichen Umfang wie Hersteller, obwohl ihre Verantwortung ohne Hilfe der Hersteller und Kunden nicht bewältigt werden kann. Es ist jetzt Sache der Distributionsindustrie, seine Rolle und seine Verantwortung zu klären und weniger das Geschäft um jeden Preis zu betreiben. Nicht nur Innovationsstrategien sind notwendig in der Distribution als auch für die Distribution, sonst wird die nächste Dekade mit einer ähnlichen Überraschung bzgl. des Wertes der Distribution enden, nämlich geringere Wachstumsraten. W. ENDRICH
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