Februar 2011

Bleibt China noch erste Wahl? 危机


Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus zwei Schriftzeichen zusammen: das eine bedeutet Gefahr, das andere Gelegenheit/Chance. 危机
Die gelbe Gefahr, vor Jahrzehnten eine offen ausgesprochene Befürchtung, dürfte sicherlich überwunden sein, obwohl z. B. die deutsche Automobil-Industrie sich sehr wohl bewusst ist, dass hier ein ernsthafter Wettbewerber im nächsten Jahrzehnt entstehen könnte. Und das Wort Gelegenheit oder Chance haben viele Betriebe in den letzten Jahren wahrgenommen, um in China eine Produktionsstätte aufzubauen und entweder für den Export, und jetzt in zunehmendem Maße auch für den einheimischen Markt, zu produzieren. Aus einer Veröffentlichung von Eurostat kann man entnehmen, dass China nach der Ukraine der zweitgünstigste Wirtschaftsstandort ist, bezogen auf die Brutto-Monatslöhne in €. Leider werden Kostenvergleiche mit den Mittelmeer-Anrainerstaaten wie Algerien, Tunesien, Marokko und Ägypten in dieser Statistik noch nicht aufgeführt. Es ist unbestritten, dass China derzeit einer der wichtigsten Wachstumsmärkte der Welt ist und deshalb auch noch ein attraktiver Produktionsstandort für deutsche Unternehmen sein wird, vor allem im Hinblick auf die Absatzmöglichkeiten im eigenen Land. Nach den neusten Plänen der chinesischen Regierung möchte man neben dem größten Produktionsstandort auch zum größten Forschungs- und Entwicklungsstandort der Welt werden und versucht deshalb, die im Osten angesiedelten Produktionsbetriebe möglichst in den Westen von China zu verschieben, den Teil Chinas, der derzeit noch völlig unerschlossen ist und sich auf dem Stand eines Agrarstaates von vor 20-50 Jahren befindet. China soll in Zukunft aber nicht mehr billige Werkbank für die Welt sein, sondern möchte sich zum Forschungs- und Entwicklungsstandort wandeln. Das bedeutet, dass die Massenproduktion in den Westen verschoben werden soll und sich dafür an der Ostküste innovative, forschungsintensive Unternehmen ansiedeln. Man möchte bis 2020 den F&E-Anteil am Brutto-Inlandsprodukt von 1,4 % auf 2,5 % steigern. Immerhin wurden 2007 schon mehr als 160.000 Patente angemeldet, etwa 20 % mehr als aus Deutschland.
Ziele der neuen Entwicklung sind Hightech-Produkte aus dem Bereich Umwelt, Alternativenergien, Automobil-Industrie u. ä.
Seit wenigen Wochen werden wir nun durch die Unruhen in den südlichen Mittelmeerländern Tunesien, Ägypten, Marokko, Algerien auf neue Industriestandorte hingewiesen. Weltfirmen wie Leonie, ein sehr großer Zulieferer der Automobil-Industrie, beschäftigt in Ägypten 2.000 und in Tunesien über 4.000 Personen in mehreren Werken und findet es offensichtlich interessant, an diesen Standorten für die europäische Automobil-Industrie zu produzieren. Aus den Zeitungsnachrichten entnehmen wir, dass vor allem Studenten mit Hochschulabschluss federführend an den Revolten in Ägypten und Tunesien beteiligt waren. Das heißt, ein fähiges, geschultes Personal steht auch in diesen Ländern einer Industrieansiedlung zur Verfügung. Es fragt sich, was die Gründe sind, dass man dort nicht mehr Industrieansiedlungen durchgeführt hat. Immerhin ist Ägypten mit 80 Millionen ein sehr bevölkerungsreiches Land. Es würde durch seine geographische Nähe zu Europa auch Standort-Vorteile gegenüber China bieten. In Ägypten soll es z. B. erst rund 200 deutsche Firmenniederlassungen geben. Vielleicht würde auch eine intensive Industrieansiedlung einen Dämpfer auf die starke Islamisierung dieser Länder bedeuten. Wer Arbeit hat und gut verdient, denkt weniger an Religion als jemand, der arm und arbeitslos ist und nicht weiß, wie er den Tag verbringen soll. Offensichtlich haben die jetzt gestürzten Machthaber ein größeres Interesse am Füllen ihres persönlichen Portemonnaies gehabt als am Aufbau einer florierenden Wirtschaft, ganz abgesehen von Handwerk und Handel, und damit der Stütze eines gesunden Mittelstandes, ohne den kein Land richtig existieren kann. Dass es geht, hat uns China vorgemacht, das sich seit 20 Jahren vom Agrar- zum Industriestandort gewandelt hat. Natürlich bedarf es dazu eines politischen Willens, den man bei den gestürzten Machthabern nicht voraussetzen konnte, solange „Provisionen“ und andere freundliche Gaben die Konten der Machthaber ausreichend gefüllt haben. Ich glaube, dass es jetzt sinnvoll wäre, wenn sich auch unsere Regierung, der Entwicklungs- und der Wirtschaftsminister, zusammen mit der deutschen Industrie intensive Gedanken machen würden, wie man diesen Ländern eine sinnvolle industrielle Struktur einpflanzen könnte. In keinem Falle sollte man den katastrophalen Fehler wiederholen, als man vor 40-50 Jahren türkische Arbeiter nach Deutschland geholt hat, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzusteuern, anstelle Betriebe in der Türkei aufzubauen. Wir hätten uns in Deutschland eine Menge Probleme ersparen können. Leider sind die politischen Machtspiele der Regierungen nicht immer von Logik und wirtschaftlichem Sachverstand geleitet, weshalb man dann kurzfristige Entscheidungen trifft, die sich langfristig als nicht-korrigierbare Fehler erweisen.
Sobald sich deshalb die Lage in diesen südlichen Mittelmeerländern beruhigt hat, wird es nicht genügen, nur Verfassungswissenschaftler zu entsenden, die diesen Ländern eine neue Verfassung schreiben; man sollte ernsthaftere Möglichkeiten suchen, wirtschaftliche Anreize zur Industrieansiedlung zu bieten. Vielleicht wäre dies das beste Bollwerk gegen einen ausufernden Islamismus.

Mit freundlichen Grüßen
W. ENDRICH
 
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