Januar 2011

Jugendwahn kontra Rente mit 67


Gegensätzlicheres kann man sich nicht vorstellen: Auf der einen Seite der Wunsch nach jüngeren, gut ausgebildeten Mitarbeitern und auf der anderen Seite der Druck der Rentenkassen auf längere Lebensarbeitszeit, da die jahrzehntelangen Rücklagen von der Regierung anlässlich der Wiedervereinigung geplündert wurden.
Im letzten Jahrzehnt hat man dem sogenannten Jugendwahn leider allzu viel Vorschub geleistet und viele Großbetriebe wie Bosch, Siemens oder Daimler haben Mitarbeiter ab 50 oder 55 Jahren in die Frühverrentung geschickt. Dass dabei kostbares Wissen, jahrzehntelang angehäufte Erfahrungsschätze und z. B. Fertigungs-Know-how verloren gingen, wurde leider nicht bedacht. Heute wäre man sicherlich in vielen Fällen glücklich, das Rad zurückdrehen zu können.
Die Probleme bei der Rente mit 67 sind sehr viel komplexer: Zuallererst sei die viel zu geringe Geburtenrate genannt. Viele Singles bleiben kinderlos. Und da sich diese Erscheinung seit den Baby-Boom-Jahren ganz erheblich verschärft hat, besitzt unsere Alterspyramide keine breite Basis mehr, die sich nach oben verjüngt, im Gegenteil, sie steht quasi auf dem Kopf. Dieser „demographische“ Wandel ist unseren Politikern seit vielen Jahren bekannt und ebenso dessen Auswirkungen auf die Rente. Die Aussage von Minister a. D. Norbert Blüm „die Rente ist sicher“ stimmt zwar im Prinzip – aber unter welchen Voraussetzungen: Es gibt nur drei Alternativen: entweder Reduzierung der Rentenbeträge, Heraufsetzung des Rentenalters oder Erhöhung der Rentenbeiträge. Alle drei Lösungen sind mit Recht unbeliebt. Im Schnitt haben die Bundesbürger heute ein Alter von 62,5 Jahren, wenn sie in Rente gehen.
Verschärft wird die Situation derzeit durch den Mangel an Fachkräften. Der Markt ist ziemlich leer gefegt, vor allem im Süden der Republik. Die Parteien streiten sich darüber, ob es sinnvoll wäre, entweder Jung-Rentner zu reaktivieren oder hochbegabte Techniker und Wissenschaftler aus dem Ausland zu „importieren“. Wenn ein Mitarbeiter aber schon mehrere Jahre aus dem Arbeitsprozess ausgeschieden ist, dürfte er sich schwer tun, seinen neuen Aufgaben gerecht zu werden. Und ob bei arbeitslosen Hartz-IV-Empfängern entsprechende Reserven bestehen, darf bezweifelt werde. Denn wer jetzt Arbeit sucht, vor allem in Fach- und technischen Bereichen, der sollte auch einen Arbeitsplatz finden können. Trotzdem ist festzustellen, dass wir heute die bestausgebildete Rentnergeneration aller Zeiten haben.
Der „demographische“ Wandel ist vielen noch nicht so richtig zu Bewusstsein gekommen, aber er ist schon deutlich zu spüren. Man denke z. B. an die Fernsehwerbung. Vor den Nachrichten gibt es Werbung für stimulierende Medikamente für Ältere, Anzeigen in Publikumszeitschriften wie den ADAC-Blättern für Treppenlifte, Urlaubsreisen für Ältere und Ähnliches. All das zeigt uns, dass dieser Wandel angekommen ist und in der Wirtschaft auch Nachhall findet. Die Kaufkraft der Rentner ist ganz beachtlich und stellt ein neues Marktsegment dar, das man früher in Zeiten des Jugendwahnes kaum beachtet hat. Frauenzeitschriften waren nur etwas für junge Frauen, aber die 50+-Generation wurde kaum beachtet. Dies hat sich dramatisch geändert, ebenso wie das Angebot an Nahrungsmitteln, Apothekenzubehör, Sportartikeln und überhaupt die gesamte Freizeitgestaltung zu Boom-Bereichen geworden sind.
Wir leben heute noch nach den Modellen unserer Großeltern. Wir sollten lernen umzudenken. Deshalb ist auch die Diskussion, ob man mit 62, 65 oder 67 in Rente gehen sollte, ziemlich unsinnig. Wer körperlich angeschlagen ist oder einen körperlich anstrengenden Beruf ausgeübt hat (Bauarbeiter, Dachdecker oder Kumpel aus dem Untertagebau), muss hier ausgeschlossen werden. Aber für die anderen ist die Frage, ob man mit 62 oder spätestens 65 in Rente gehen sollte nicht zwingend. Wo steht es geschrieben, dass man mit 65 in Rente gehen muss? In den USA ist das Rentenalter völlig offen. Auch bei uns ist es nur eine Gewohnheit seit 50 bis 60 Jahren geworden, dass man spätestens mit 65 in Rente geht. Aber genauso könnte man dies im Alter von 67 tun, denn die Lebenserwartung - auch die der Männer - hat sich auf 80 Jahre und mehr verschoben dank medizinischem Fortschritt, sportlichen Aktivitäten, besserem Essen u. a. Auch das Gehirn lässt sich bis ins hohe Alter trainieren. Es ist doch erstaunlich, wie viele „alte“ und „uralte“ Persönlichkeiten sich unter den großen Berühmtheiten befinden. Bei Malern und Bildhauern waren dies Tizian 99, Michelangelo 89, Käthe Kollwitz 78, Monet 86. Bei Dichtern und Schriftstellern: Goethe 83, Shaw 94, Heinrich Mann 80 und viele andere. Bei großen Musikern: Verdi 88, Richard Strauß 85, Händel 74 u. a.
Der „demographische“ Wandel hat übrigens nicht nur in Deutschland eingesetzt: So werden laut UN im Jahre 2020 mehr als die Hälfte aller Chinesen älter als 50 Jahre sein. Bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden sind dies ganz andere Dimensionen, mit denen die chinesische Regierung fertig werden muss. Wenn man dann spekuliert, dass etwa 5-10 % dieser Rentner touristisch aktiv werden, dann haben wir in den Urlaubsorten dieser Welt 60-70 Millionen Touristen mehr allein aus China zu erwarten.
Man sieht also, der „demographische“ Wandel hat überall angefangen und wird unsere Strukturen und unsere Völker ganz gewaltig beeinflussen. Wohin es im Einzelnen gehen wird, kann derzeit nur abgeschätzt werden. Denkt man auf Grund des höheren Lebensalters auch an das Ansteigen von Pflegefällen und Altersheimplätzen, dann kann man sich leicht die Dimension der Probleme ausmalen, mit denen sich die Jüngeren unter uns in den nächsten Jahrzehnten beschäftigen müssen, um zu versuchen, sie auf humane und sozial anständige Weise zu lösen.
Mit freundlichen Grüßen
W. ENDRICH
 
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